Psychotherapie-Netzwerk für Flüchtlinge fordert Aufnahmeprogramm für afghanische Familienangehörige

 Das Netzwerk für Interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung (NIPE) fordert Aufnahmeprogramm für Afghan*innen mit Bezügen zu dem jeweiligen Land. 

 „Als Psychotherapeut*innen, die mit Flüchtlingen arbeiten, ist es unser Auftrag, unseren KlientInnen zu helfen, mit dem, was sich nicht ändern lässt, fertig zu werden. Bei unseren afghanischen KlientInnen stoßen wir hierbei seit dem Machtübernahme der Taliban zusätzlich an unsere Grenzen“, heißt es in einer Erklärung des Netzwerks für Interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung NIPE.  (7.12.2021)


 
Das Leben ist (k)ein Hit
Fallbeispiel Sintem #1 

 
Herr X aus Syrien wohnt seit 2015 mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter in Österreich. Zwei weitere erwachsene Kinder sind bereits ausgezogen. Hr. und Fr. X haben noch einen weiteren Sohn der in Saudi Arabien lebt. 2018 ist die Familie nach Wien gezogen. Die Familie besitzt seit 2016 den Aufenthaltsstatus §3 Asyl. Herr X und seine Tochter befinden sich seit Februar 2021 bei uns in der Dolmetsch – gestützten interkulturellen Therapie. Seit Mitte Oktober ist Herr X auch in regelmäßiger sozialarbeiterischer Betreuung.  

Dauernd droht die Räumung 

Das Ehepaar lebt mit ihren zwei erwachsenen Kindern in einer 75qm großen Wohnung, in der es leider von Anfang an Schwierigkeiten mit dem Vermieter gab. Zuerst lebte die Familie zu sechst in der Wohnung, jetzt nur mehr zu viert. Zu Beginn des Mietverhältnisses war die Mindestsicherung der Familie längere Zeit in Bearbeitung, wodurch es zu einer Verzögerung der ersten Mietzahlung gekommen ist. Damals haben wir die Familie zur Sozialberatung der Caritas weitervermittelt, welche auch mit einer finanziellen Unterstützung aushelfen konnte. Im November 2021 kam es dann zu einem erneuten Mietrückstand, da die Familie ein zu geringes Einkommen hat um sich die Wohnung überhaupt leisten zu können. Somit hat der Vermieter bereits zum zweiten Mal eine Räumungsklage über das Bezirksgericht ausgesprochen. Zusammen mit der Familie stellten wir einen Hilfe in besonderen Lebenslagen  (HiBL) - Antrag bei der MA40 sowie auch einen Antrag auf Spontanhilfe beim Roten Kreuz. Zweiteres unterstützt X mit einer kleineren Summe. Die Miete der Wohnung ist eindeutig zu hoch für die Familie. Wir haben deshalb auch einen Antrag auf Wohnbeihilfe bei der MA50 eingebracht, welcher leider abgewiesen wurde, da das gemeinsame Haushaltseinkommen der Familie dafür zu niedrig war. 

 

Kaum Anspruch auf Zuschuss 

Herr X und seine Frau waren bereits zum zweiten Mal bei Wiener Wohnen und erhielten die Antwort, keinen Anspruch auf eine Sozial- bzw. Gemeindewohnung zu haben, da eine hohe Miete alleine nicht den Wohnbedarf deckt. Zudem besteht ihr Einkommen aus der Mindestsicherung und AMS-Geld (Kursdeckungskosten für den Sohn), wobei die aktuelle Miete bei €990 liegt und sie sich dadurch nichts ansparen können. Ende Dezember habe ich gemeinsam mit der Familie einen Haushaltsplan mit Einnahmen/Ausgaben erstellt und festgestellt, dass die Familie aktuell ein zu geringes Einkommen hat, um ihre Fixkosten zu decken. Die Wohnung ist einfach zu teuer und die Familie bedarf einer regelmäßigen sozialarbeiterischen Unterstützung. 

Trauma, Schmerz und deren Bewältigung?! 

Wir haben die Familie Anfang Jänner bei unserer hausinternen Wohnberatungsstelle MOWO angebunden. Sie werden dort nun von einem Kollegen vom Projekt Mobil betreutes Wohnen – Housing First (kurz MoBeWo-HF) betreut und haben eine Bewilligung für eine mobile Wohnbetreuung beim FSW beantragt. Momentan wartet die Familie noch auf eine Zusage für eine betreute Wohnung. Ausschlaggebend für dieses Ansuchen ist vor allem der gesundheitliche Zustand des Ehepaares. Besonders Herr X hat viele körperliche sowie psychische Beschwerden und entsprechende Diagnosen: Ein Fluchttrauma aufgrund von Kriegserlebnissen und die Trennung von anderen Familienmitgliedern haben viele psychische und körperliche Symptomen hervorgerufen wie etwa depressive Stimmung, kreisende Gedanken, Agressionsdurchbrüche, Schlafstörungen, Beckenschiefstand und Gastritis. Die schlechte Wohnsituation hat auch Unsicherheit mitgebracht. In der Therapie wurde viel mit Scham, Aggression und Unsicherheit gearbeitet sowie auch an einer regelmäßigen Medikamenten-Einnahme und der Fähigkeit um Hilfe zu bitten und diese auch zu akzeptieren. Es hat ihm geholfen genug Ressourcen und Lösungen in sich selbst zu finden und ihn auch dabei zu verselbstständigen, sich Hilfe von unterschiedlichen Institutionen zu suchen. 

Seine Ehefrau leidet ebenfalls unter psychischen Belastungen aufgrund der Flucht und der weit entfernten Familie, unter vermehrten Bandscheibenvorfällen, einem unverheilten Beinbruch und an chronische Schmerzen - sie kann nicht lange stehen. Das Paar ist auf die Hilfe der beiden erwachsenen Kinder angewiesen, die es im Alltag unterstützen. Die Tochter aber braucht auch Hilfe,  eine geeignete Ausbildung bzw. einen Job zu finden. 

 

Herr X nimmt unsere Unterstützung dankend an. Er sagt auch, dass ihm die regelmäßigen Gespräche mit uns und unserer Sprachmittler*in guttun. Er erwähnt immer wieder, wie dankbar er für diese Hilfe und dass er nicht wüsste was er ohne „der Caritas“ machen würde.